Im „Forum Fasanenhof“, Begegnungsstätte der Neuapostolischen Kirche in Stuttgart-Möhringen, gab es am 12. September 2019 einen Vortrag über Judas, eine der bekanntesten Gestalten des Neuen Testaments.

Darstellung des Judaskuss am Konstanzer Münster

Den informativen, hochinteressanten Vortrag hielt Dr. Reinhard Kiefer, theologischer Referent bei der Neuapostolischen Kirche International, der ein priesterliches Amt trägt und als Mitglied einer Arbeitsgruppe an diesem Donnerstag ohnehin in Stuttgart war.

Judas, mit Beinamen „Iskariot“ (vermutlich: „Mann aus Kariot“), wird nur in den Evangelien und in der Apostelgeschichte erwähnt; über sein Leben als Jünger Jesu berichtet die Bibel wenig. Da sei er, so der Referent, allein interessant als Verräter, als Werkzeug des Bösen, als einer von denen, die den Tod Jesu verursachten. So werde Judas im ältesten Evangelium, dem nach Markus, mit dem bezeichnenden Zusatz erwähnt: „der ihn [Jesus Christus] dann verriet“. Übersetzen könne man dies auch mit „übergeben“ oder „ausliefern“. Diese negative Qualifikation finde sich in den drei anderen Evangelien ebenfalls.

In seinem Vortrag beleuchtete Reinhard Kiefer die aus dem biblischen Zeugnis erkennbare Motivation des Verrats an Jesus, den Judas verübte. Auch verwies er auf Matthäus 27, wo vom Ende des Judas berichtet wird – hier werde dieser als eine durchaus in sich gebrochene und widersprüchliche Person gezeigt, die nach der Verurteilung Jesu zum Tod den Verrat bereut und versucht habe, die Entwicklung aufzuhalten. Im Erkennen der Aussichtslosigkeit der Lage „bestraft er sich mit dem Tod, weil er Entscheidendes zum Tod Jesu beigetragen hat“. Erwähnung fand auch die Version vom Tod des Judas gemäß Apostelgeschichte 1.

Sichtweisen auf Judas von der Antike bis zur Gegenwart bildeten einen weiteren wichtigen Aspekt im Vortrag, wobei der habilitierte Germanist Kiefer als Beispiel für eine positive Judas-Rezeption in jüngerer Zeit den 1975 erschienenen Roman von Walter Jens „Der Fall Judas“ nannte. Darin heißt es u.a.: „Ohne Judas kein Kreuz, ohne das Kreuz keine Erfüllung des Heilsplans“ – Judas werde also hier als heilsnotwendige Gestalt angesehen, ohne deren Tat das Heil nicht zustande komme.

Ausführlich sprach Reinhard Kiefer vom Verhältnis des Verrats zum Opfertod Jesu und ob Judas die Möglichkeit der Entscheidung hatte, Jesus zu verraten oder nicht. Der Tod Jesu sei kein Zufall, auch kein Verhängnis oder eine schicksalhafte Begebenheit, stellte er klar, sondern eine heilsgeschichtliche Notwendigkeit: „Ganz unabhängig vom Verrat hat der Tod Jesu seine Notwendigkeit in sich.“ Eingängig legte er dar, dass das „Wort vom Kreuz“ – dazu zitierte er Paulus – die Überwindung menschlicher Vorstellungsmöglichkeiten und Einschätzungen fordert und nur durch die Hinwendung zu Gott und seiner Tat angenommen werden kann.

Und Judas? Dieser, als Apostel Freund Jesu, habe sich für seine Tat entschieden und sich gegen den Freund, gegen denjenigen, den er bezeugen sollte, gewandt. Die in den Evangelien überlieferten Aussagen über Judas ließen nicht wirklich erkennen, was Judas bewogen und auch nicht, ob er die Dimension seiner Handlungen verstanden habe. „Ob ihm schließlich göttliche Gnade zuteilwerden kann – wer will es bejahen, wer will es verneinen?“ Jedenfalls dürfe, unterstrich Kiefer, was Judas getan habe und welche Funktion diese Tat innerhalb der Heilsgeschichte habe, nicht in eins gesetzt werden.

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