Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Verbindendes und Trennendes zwischen Christentum und Islam zeigte in einem interessanten Vortrag am 17. November 2016 Dr. Reinhard Kiefer auf, der theologische Referent der Neuapostolischen Kirche International.

  • Image 1 from 2

    Dr. Reinhard Kiefer

  • Image 2 from 2

    "Volles Haus" beim Vortrag im Forum Fasanenhof

Es sei wesentlich, das Verhältnis von Christentum und Islam gerade in Zeiten zu bedenken, in denen der Islam zuweilen dämonisiert werde, begründete Kiefer das Thema seines Vortrags, den er im „Forum Fasanenhof“ in Stuttgart hielt.

Die abrahamitischen Religionen

Zunächst ging Kiefer der Frage nach, welche Verbindungen zwischen Christentum und Islam bestehen, gehören doch beide – wie auch das Judentum – zu den abrahamitischen Religionen.

„Seit seiner Entstehung steht der Islam im Spannungsfeld von Judentum und Christentum“, meinte Kiefer. Islam bedeute „Unterwerfung unter Gott“, und es werde deutlich, dass es sich um eine nachchristliche Gesetzesreligion handele. Er zeigte auf, dass der Islam im Mittelalter in Europa christliche Irrlehre oder Häresie galt und erst im 18. Jahrhundert als eigene Religion wahrgenommen wurde. Beispielhaft nannte er Voltaire (mit negativer Islam-Beurteilung) sowie Goethe und Lessing, die beide Sympathie für den Islam hegten.

Der eine Gott?

Auf die Frage, ob der Gott, den die Muslime anbeten, und der Gott, den Christen und Juden anbeten, unabhängig von der jeweiligen Gottesvorstellung derselbe ist, informierte Kiefer die zahlreichen Zuhörer über die Position der katholischen Kirche und zitierte Papst Johannes Paul II., der anlässlich einer Begegnung mit muslimischen Jugendlichen in Casablanca 1985 unterstrichen hatte: „Wir glauben an denselben Gott, den einzigen, den lebendigen, den Gott, der die Welten erschafft und seine Schöpfung zur Vollendung führt.“

Im Protestantismus seien, so Kiefer, unterschiedliche Positionen vertreten, und aus Sicht der Neuapostolischen Kirche sei darauf hinzuweisen, dass sich im Katechismus keine lehrmäßige Bewertung oder auch nur Betrachtung nichtchristlicher Religionen finde (es gibt nur eine nicht weiter thematisierte Gleichsetzung des Gottes des Alten Bundes mit dem Gott des Neuen Bundes – von daher lässt sich sagen, dass Juden und Christen nach neuapostolischem Verständnis denselben Gott anbeten).

Nach Ansicht Kiefers können die Gläubigen einer Religion, die Gott als den Schöpfer aller Dinge und Gottes Handeln an Noah, an Abraham oder an Mose bekennen, also die konkrete Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte bejahen, als „von Gottes heilsgeschichtlichem Handeln betroffen und von daher als Anbeter des einen und wahren Gottes angesehen werden“. Insofern könne die Neuapostolische Kirche von der Identität des einen Gottes, den Christen, Juden und Muslime anbeten, ausgehen: „Angebetet wird Gott als Schöpfer, Erhalter, Gnädiger und Segnender aller Glaubenden.“

Aussagen im Koran zu Jesus

Anhand einiger Suren erläuterte Kiefer Gemeinsames und Verbindendes von Christen zu Muslimen, jedoch auch die im Koran ausgedrückte Ablehnung der Trinität und, damit verbunden, Ablehnung der Gottessohnschaft Jesu Christi sowie der Menschwerdung Gottes in ihm.

Der Islam – eine Religion des Gesetzes

Dass der Islam eine Religion des Gesetzes ist, bedeutet, so Reinhard Kiefer, „dass er das gesamte Leben des Menschen grundiert“, nicht nur seinen Glauben und seine religiöse Praxis, sondern ebenso die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse.

Der Islam kenne „keine Trennung von Zivilgesellschaft und Religionsgesellschaft“, insofern könne er leicht zur politischen Ideologie werden, die von Machtinteressen missbraucht werde. Zudem sei festzustellen, dass in der Regel dort, wo mehrheitlich Muslime lebten und der Islam die staatliche Ordnung bestimme, Christen, Juden und Angehörige anderer Religionen an den Rand der Gesellschaft gedrängt würden – zuweilen so weit, dass deren Religionsausübung untersagt werde.

Ein volles Haus

Reinhard Kiefer, der in der Neuapostolischen Kirche als Gemeindeevangelist dient, hielt sich anlässlich einer Arbeitsgruppen-Tagung in Stuttgart auf und konnte mit diesem Termin seinen Vortrag im „Forum Fasanenhof“ verbinden. Das „Forum Fasanenhof“, Begegnungsstätte der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland in Stuttgart-Möhringen, war an jenem Donnerstagabend bestens besucht, und im Anschluss an den Vortrag Kiefers gab es eine lebhafte Beteiligung bei der Fragerunde und es entwickelte sich noch ein reger Gedankenaustausch.